Die Italiener sind ein stolzes Volk. Ich glaube, dass das Grundgefühl über mehrere Generationen weitergegeben wird. Davon kann ich mich nicht freisprechen, auch wenn das Italien von heute in seiner politischen Entwicklung nicht mehr das ist, was es Ende des vergangenen Jahrhunderts war. Aber das Lebensgefühl und die Schönheit der Natur findet man heute ebenso. Ich denke, dass in den meisten von uns immer auch ein Teil sehr alter Wurzeln steckt, die irgendwo zwischen interner Familienfiktion und Wirklichkeit ihre Heimat finden. Dass diese Herkunft in meine Romane einfließt, ist allerdings kein Zufall, sondern sehr bewusst gewählt. Ich lasse meine Geschichten gerne in wunderschönen Kulissen spielen. Was wäre da besser geeignet als eine Stadt in Italien? Das gilt jedoch nicht für alle Romane, denn das fände ich auf Dauer langweilig.
Das ist eine Frage, die mir sehr häufig gestellt wird. Ich erzähle gerne die Geschichte eines Freundes, der eines meiner Bücher las und mich danach fragte, ob ich einen der Charaktere einem gemeinsamen Freund nachempfunden hätte. Witzigerweise hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht ein einziges Mal an eine mögliche Gemeinsamkeit gedacht, und tat es auch nach der Frage nicht. Mein Freund hatte schlichtweg mit viel eigener Fantasie Gemeinsamkeiten hineininterpretiert, die er für bedeutsam hielt, die mich selbst jedoch nicht beschäftigten. Er war auf der Suche danach, was es mit mir persönlich zu tun haben könnte.
Es wäre eine Lüge, zu behaupten, wir Schriftsteller und Schriftstellerinnen würden völlig frei von eigenen Erfahrungen schreiben. Das kann niemand, denn allein auf Basis unserer persönlichen Lebenserfahrungen sind wir fähig, uns in die Lebenswelten anderer Person einzufühlen. Das geht nicht ohne individuelle Färbung. Wie stark jedoch die eigenen Erfahrungen den Ausschlag an der ein oder anderen Stelle und bei dem ein oder anderen Charakter geben, ist völlig unterschiedlich. Von dem konkreten Beispiel weg, kann ich ganz allgemein behaupten, dass es mir sehr häufig passiert, dass mich Bekannte, Freunde oder auch Familienangehörige fragen (manch einer mit besorgten Blick), ob ich eine bestimmte Erinnerung aufarbeiten wollte. Häufig ist meine Antwort dann „nein“, zumindest wenn es darum geht, dass es sich um eine Eins-zu-eins-Übertragung handelt. Was sich hingegen oft in meinen Roman findet, ist eine Grundidee von etwas, das ich einmal erlebt oder beobachtet habe. Die Ausarbeitung findet sich dann quasi zugespitzt in den Geschichten wieder. Das kann in einer dramatischen Form sein, die ich selbst nicht in der Intensität empfunden habe, die aber gut zu meinem fiktiven Charakter passt und deswegen die Geschichte bereichert. Es kann sich aber natürlich je nach Thema des Romans und je nach Nähe der Romanfigur zu mir selbst, um ein Thema handeln, das weitreichender mit meiner eigenen Biografie zu tun hat. Wichtig ist aber: Ich schreibe Fiktion, ich schreibe keine Autobiografie. Und ich darf zu bedenken geben, dass ich schon allein durch meinen Grundberuf fähig bin, mich sehr intensiv in die Empfindungen, Lebenswelten und Emotionen anderer einzufühlen.
Das schließt an die vorhergegangene Frage an. Die Ideen kommen mir durch etwas, was ich selbst erlebt habe, aber ebenso auch durch Themen, die ganz unabhängig von meiner eigenen Lebensgeschichte sind, die ich für wichtig halte, die ich interessant finde, die meine Kreativität beflügeln. Häufig sind es sehr banale Dinge, Artikel, die ich lese, ein Radiobeitrag, ein Gespräch mit einem Bekannten, etwas, das ich auf der Straße beobachte. Das gilt übrigens für einzelne Szenen mehr als für große Themen. Die Hauptthemen kommen eher aus mir selbst heraus, aus etwas, über das ich nachdenke, was zu meinem Weltbild passt, was ich als bedeutsam für uns Menschen, für die gesamte menschliche Natur und für eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Wesen Mensch empfinde.
Und manchmal, so banal es klingt, entsteht in mir schlichtweg der Wunsch, ein Buch über ein bestimmtes Thema, eine bestimmte Geschichte zu lesen, die es nicht gibt. Ich schreibe das Buch dann im Endeffekt zur eigenen Unterhaltung. Das gilt natürlich weniger für Bücher wie „Das zweite Leben“ oder „Laras Schweigen“, sondern eher für Bücher wie „Die Menschenfängerin“ oder „Exitus“. Die haben für mich natürlich einen höheren Prozentsatz an Unterhaltungswert als ein Roman, der die Auseinandersetzung mit sehr schwierigen Themen im Fokus hat.
Und die andere Seite der Antwort ist, dass ich es manchmal schlichtweg nicht weiß, weshalb ich auf Ideen komme. Es kann mir passieren, dass ich morgens aufwache und von einer Idee begrüßt werde, die mir quasi ins Gesicht schreit, aufgeschrieben werden zu wollen.
Nach diesem Prinzip, genau. Ich beginne zu schreiben und lasse der Geschichte die Freiheit, die sie braucht. Ich bin eine Schriftstellerin, die ihren Schreibprozess als assoziativ bezeichnet. Das ist ein Begriff, auch wenn das eigenartig klingen mag, der zwar zuvor existierte, den ich aber nirgendwo aufgeschnappt habe, sondern den ich irgendwann selbst einmal beschreibend verwendet habe. Ich habe versucht, meinen nahestehenden Personen zu vermitteln, wie sich schreiben für mich anfühlt, da ich eine Art Tunnelblick entwickele und nicht mehr ansprechbar bin, wenn ich schreibe. Damals habe ich festgestellt, dass ich assoziativ schreibe. Die Freiheit, die ich meinen Texten und Figuren lasse, führt dazu, dass sich mir die Geschichte quasi aufdiktiert. Ich bin dann eine Art Medium, das das, was ihm eingeflüstert wird, zu Papier bringt. Das ist weniger abgehoben, als es vielleicht klingt. Es ist auch nichts Esoterisches daran. Es ist schlichtweg so, dass ein Teil meines Hirns in rasender Geschwindigkeit die Geschichte entwickelt, so dass ich gar nicht erst dazu komme, sie zu hinterfragen, sondern sie einfach niederschreibe. Währenddessen und auch danach ist alles schlüssig und ergibt Sinn, und teilweise verstehe ich erst im Nachgang, wie gut alles zusammenpasst. Ich habe sehr schnell gelernt, dass ich darauf vertrauen kann, dass meine Geschichte ihren roten Faden behält und sich die Sinnhaftigkeit von selbst findet. Das unterscheidet mich von Schriftstellerkolleginnen, die strukturiert vorgehen, sich im Vorfeld ein Skript machen, Charakterisierungen festlegen, einzelne Etappen vorbereiten. Das ist nicht meine Art zu schreiben. Ich finde es völlig in Ordnung, wenn andere dieses Vorgehen wählen, für mich funktioniert es aber nicht. Es würde mir die Freude nehmen, und es würde meine Geschichte zerstören. Meine Geschichten sind dazu da, nicht in eine feste Form gepresst zu werden. Sie müssen sich entfalten dürfen, und genau das macht ja für mich auch den Reiz des Schreibens aus. Schreiben bedeutet für mich maximale Freiheit. Zumindest solange sich die Geschichte schreibt. Das Korrekturlesen ist dann harte Arbeit und wenig erfüllend. Vor allem, wenn man einen Hang zum Perfektionismus hat. Das Schreiben selbst ist lustvoll und geht oft sehr schnell. „Exitus.“ beispielsweise habe ich binnen zwei Wochen zu Papier gebracht. Manchmal spreche ich kapitelweise die Geschichte mittels Diktierfunktion einfach runter. Das hilft mir dabei, den Fluss nicht zu verlieren, wenn meine Gedanken so rasen, dass ich nicht schnell genug tippen kann.
Ich habe übrigens irgendwann einmal zufällig ein Interview mit Isabell Allende gesehen, in dem sie genau meine Empfindungen beim Schreiben schildert und das assoziative Schreiben erwähnt. Das war für mich wie eine Befreiung, nachdem ich mir schon Kommentare von einer selbst ernannten Coachin für Autorinnen anhören durfte, assoziatives Schreiben könne nicht funktionieren.
Die ersten Bücher habe ich schon im Alter von 7 oder 8 Jahren geschrieben. Damals mit Bleistift und auf einer alten Schreibmaschine. Das waren dann Sachbücher zu unterschiedlichen Themen, hauptsächlich über Tiere. Aber auch schon mit aufklärerischem Charakter. Ich habe damals z.B. einen Text über die Folgen des Anbaus von Doppelnullraps geschrieben, da der dem Rotwild sehr große Schäden zufügen kann und es damals in den 80ern bekannt wurde, dass viele Rehe dadurch starben, dass sie auf Feldern die Rapspflanzen fraßen. Etwas special, ich weiß, aber zeigt auch: Ich habe mich damals schon dafür interessiert, was auf der Welt schlecht läuft und mich reingekniet, darüber aufzuklären.
Und der zweite Bereich, in dem ich geschrieben habe, war die Belletristik: mein ALLERerstes Buch (damals auch 7 oder 8 Jahre alt) hieß „Dilja“ und handelte von einem Pferd, das gemeinsam mit seiner Freundin, einem Menschenmädchen, Abenteuer erlebte. Es umfasste etwa 12 Kapitel und war für meine Wahrnehmung damals ein echter Wälzer.
Es existieren vier fertige Romane und ein Kinderbuch (wenn man die aus dem Kindesalter nicht mit zählt).
Auf jeden Fall! Es sind mindestens vier noch auf Halde. Das Hauptproblem ist die Zeit. Grundsätzlich kann ich einen Roman super schnell runterschrieben, aber ich kann davon ja nicht leben, insofern muss ich noch „nebenbei“ meiner eigentlichen Arbeit nachgehen und mich um meine Familie kümmern.
Das Schreiben selbst überhaupt nicht. Dabei habe ich höchstens – wie eben erwähnt – das Problem, dass ich nicht so schnell schreiben wie denken kann, daher spreche ich z.T. Teile meiner Bücher in ein Textprogramm ein, damit ich mit der Geschichte Schritt halten kann. Quälend wird es, wenn die Recherchearbeit die Schreibarbeit überholt, so wie es in „Das zweite Leben“ der Fall war. Mein latenter Perfektionismus macht es mir oft schwer. Ich recherchiere dann so tief, dass ich es nicht ertragen kann, nicht zu wissen, aus welchem Stein ein bestimmtes Gebäude gefertigt wurde, oder es nicht aushalten kann, zu erfinden, welches Theaterstück das „La Fenice“ in Venedig am an einem bestimmten Datum Anfang der 90er gespielt hat.
Auschwitz ist echt, die einzelnen Sequenzen sind so oder ganz ähnlich passiert; es fließen diverse authentische Einzelschicksale in den Figuren Rachel, Isabell, Angelo und den anderen zusammen. Wichtig ist zu beachten, dass sich das Leid, über das ich geschrieben habe, damit nicht überzeichnet zeigt. Im Gegenteil habe ich beim schreiben eine Gemeinsamkeit mit Ava gehabt: Wir beide haben Skrupel, die Dinge so brutal darzustellen, wie sie waren, um die Geschichte nicht unglaubwürdig klingen zu lassen. Das muss man sich mal vorstellen: dass etwas, das wirklch passiert ist, so schlimm ist, dass man erwägt, es weniger drastisch darzustellen, damit die Menschen es überhaupt noch für authentisch halten können.
Ganz vereinfacht auf den Punkt gebracht: weil der Roman nur so funktioniert. Der krasse Gegensatz zwischen Venedig und Birkenau, zwischen dem Schönen und dem Grässlichen, funktioniert nur dann, wenn man als Leser*in voll in das Versunkensein der Hauptfigur eintaucht und sich sehnt, diese heitere Melancholie immer wieder zu erleben. Niemand von uns setzt sich gerne mit dem Abscheulichen im Menschsein auseinander. Dass beides zugleich existiert, ist aber der Kern des Romans. Der Roman lebt vom Dualismus. Und, ja, ich weiß: das in geradezu grotesker Ausprägung. Ich kenne die Kommentare (glücklicherweise in anerkennender Weise), dass es nahezu frech ist, beide Welten in ein und dieselbe Geschichte zu packen. Etwas, wovon man eigentlich denken würde, dass es nicht funktionieren kann. Aber genau darum geht es ja. Die Besonderheit ist mir bewusst. Ich schreibe keinen Mainstream.
Im Grunde aus zweierlei Richtungen; zum einen hatte ich Jahre lang selbst eine sehr besondere Beziehung zu einem Freund aus Italien, der diese Besonderheit ähnlich hervorgehoben hat wie die Figur des Toma in meinem Roman. Er wurde dann Vorlage für diesen Charakter. Ich fand den Gedanken spannend, das ganze fiktiv weiter zu treiben und zu überlegen, wie zwei Menschen mit einer Verbundenheit umgehen könnten, wenn der eine an Schicksal glaubt und die andere an harte Fakten. Und natürlich musste ein stärkerer Konflikt her, sonst wäre die Auseinandersetzung damit oberflächlich geblieben. Zum anderen hat mich schon im frühen Jugendalter das Thema Faschismus sehr beschäftigt. Mein Vater hatte damals einen Bildband über Faschismus im Regal stehen. Darin waren unter anderem Fotografien abgedruckt, die die Alliierten nach ihrer Ankunft in diversen Konzentrationslagern gemacht hatten. Grausame Bilder. Von Leichenbergen, von ausgehungerten Kindern, von Menschen, deren Altern man dem Gesicht nicht mehr ablesen konnte, weil sie nur noch von Haut überzogene Skelette waren. Das hat mich stark geprägt. Und letztenendes erlebe ich das Thema heute aktueller denn je, insofern war es quasi unumgänglich, in einer Geschichte, die von Dualismus lebt, die schlimmste Grausamkeit zu beleuchten, die mir bekannt war.
Na ja, wir leben ja in einer Welt voller Dualismus. Die Zerrissenheit, die sich als roter Faden durch den Roman zieht, liegt ja in uns allen. Und in der gesamten Welt …Angefangen bei der der Frage nach Gut oder Böse des Menschen, weiter über Avas Konflikt: Herz oder Kopf, Verantwortung oder Bedürfnis. Toma würde vielleicht sagen: „Man kann beides vereinen.“
Ich würde sagen, ich habe von beiden etwas. Je älter ich werde, desto mehr werde ich zum Toma. Aber ich trage auch viel Ava in mir, allein schon aus meiner Vergangenheit. Ich muss aber zugeben, dass sie mir nicht immer sympathisch ist. Ich finde sie sehr verbissen – und im Grunde leidet sie auch an notorischer Selbstüberschätzung. Sie hat noch nicht verstanden, dass es wichtig ist, sich selbst als wertvoll zu begreifen, aber sich nicht wichtig zu nehmen. Natürlich sollten wir alle in unserem kleinen bescheidenen Mikrokosmos versuchen, das Beste zu tun, was wir tun können, Liebe und Toleranz statt Hass und Hetze, Demut statt Egozentrik etc. – aber eine Einzelne kann nicht die Welt retten.
Da muss ich jetzt aufpassen, dass ich nicht spoilere. Zum Ende, speziell dem letzten Satz, und zu einzelnen Szenen aus Birkenau. Aber auch begeisterte Rückmeldungen von Venedigliebhabern, die sagen, dass es sich für sie angefühlt hat, als wären sie wieder dort gewesen.
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